Gorbatschow ist tot: Ein Nachruf


Der Generalsekretär befahl dem KGB die Freilassung politischer Gefangener, zugleich rehabilitierte Gorbatschow zigtausend Stalin-Opfer. Andrei Sacharow, Dissident und Friedensnobelpreisträger, durfte 1986 aus der Verbannung zurückkehren, 1990 erhielt Andreas Solschenizyn, mit “Archipel Gulag” der Autor der berühmtesten Anklage der stalinistischen Verbrechen, die sowjetische Staatsbürgerschaft zurück. Zensur und Repression ließen nach: Bücher, die seit Jahrzehnten unter Bann standen, erschienen nun offiziell.Allerdings verstand Gorbatschow – immerhin ein Gewächs der Partei – Demokratie und Freiheit vor allem als staatliches Erziehungsprojekt, zu viel Eigeninitiative befremdete ihn. Wie die aufkommende Diskussion um den in Stalins Auftrag exekutierten Massenmord an Tausenden polnischen Offizieren und Intellektuellen bei Katyn im Jahr 1940.

Echte Sorge vor dem nuklearen Inferno

Im “Reich des Bösen”, so US-Präsident Ronald Reagan, standen die Zeichen trotzdessen unmissverständlich auf Veränderung. Um sich zu stabilisieren, brauchte die Sowjetunion den Abbau der kostenintensiven Atomwaffen.Doch Gorbatschow wollte nicht nur sparen. Seine Sorge vor dem nuklearen Inferno war echt, er wollte Abrüstung und Frieden. Und diese Wünsche nahmen ihm die westlichen Politiker auch ab. 1987 unterzeichnete Gorbatschow mit Reagan den INF-Vertrag zum Verbot von Mittelstreckenraketen. Mit Reagans Nachfolger George H. W. Bush verstand sich Gorbatschow noch besser. Legendär das Treffen 1990 in Helsinki: “Mr. Gorbatschow, darf ich Sie einfach Michail nennen?”, so der US-Präsident. “Aber natürlich, George”, antwortete der Kreml-Chef.Dann umarmten sich die beiden. Eine Szene für die Ewigkeit. Im Westen erhielt Gorbatschow den Jubel, der ihm daheim versagt blieb. Für die Sowjetbürger war er lediglich der Repräsentant steigender Preise und leerer Regale. Kein Wunder, dass Gorbatschow gerne reiste.Insbesondere die Deutschen in Ost und West schlossen ihn ins Herz. “Gorbi, Gorbi” riefen die DDR-Bürger bei ihren Demonstrationen 1989. Gorbatschows neues “Tauwetter” erweckte nämlich auch die erstarrten Satellitenstaaten zum Leben. Polen, Ungarn, Tschechoslowakei und die DDR, nirgendwo rollten die Panzer der Sowjet-Armee wie einst 1953, 1956 und 1968.

Gorbatschows schwärzeste Stunde

Den Deutschen ermöglichte der Kreml-Herrscher gar die Wiedervereinigung. Und verzieh auch dem “Kanzler der Einheit”, Helmut Kohl, der Gorbatschow einst mit Hitlers Lügenminister Joseph Goebbels verglichen hatte. Unvergessen die Bilder vom Treffen 1990 im Kaukasus: Kohl in seiner Strickjacke, daneben der verschmitzt lächelnde Gorbatschow.Mit dabei auch Raissa Gorbatschowa, die wie ihr Mann im Westen Kultstatus genoss. Zu diesem Zeitpunkt war die Sowjetunion bereits dem Tode geweiht, Gorbatschow wusste es nur noch nicht. Außenpolitisch glänzte er durch Friedenswillen, innenpolitisch erschöpfte sich seine Vision von Glasnost und Perestroika. Immer wieder betonte er die Bedeutung der Wirtschaft, doch bekam er sie nicht in den Griff.Loading…Loading…Loading…

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